Reise-Notizen Israel (1): “Any weapon”?

Angesichts der angespannten Lage im Nahen Osten ist Israel sicher kein klassisches Reiseziel. Überraschend war es aber trotzdem, in Tel Aviv vom Bordpersonal der Austrian Airlines nach der Landung mit einem „have a safe journey“ hinauskomplimentiert zu werden, anstatt dem gewohnten „pleasant“ als Adjektiv. Die Sicherheitskontrolle bei der Einreise war unerwartet kurz.

Subjektiv fühlte ich mich die gesamte Reise lang sehr sicher, die mich von Tel Aviv zu den Golanhöhen im Norden führte, nahe der libanesischen und syrischen Grenze. Danach ging es mit einigen Zwischenstationen nach Eilat, dem südlichsten Punkt des Landes, von dem man neben Jordanien und Ägypten auch Saudi Arabien erspähen kann. Reiseabschluss schließlich in Jerusalem.

Dem persönliche Sicherheitsgefühl widersprachen allerdings die Kontrollen in Hotels und Museen. Sogar beim Besuch eines Dorflokals bei Jerusalem in En Kerem durchsuchte ein junger Bursche die Taschen der Besucher und fuchtelte gewichtig mit einem Metalldetektor herum. Fährt man mit dem Taxi vor einem Museum vor, wird routinemäßig der Kofferraum inspiziert. Schließlich sieht man in ganz Israel immer wieder rundbäuchige Stahlbehälter herumstehen, welche der Bombenentschärfung dienen.

Diese Kombination vielfältiger Maßnahmen scheint aber effektiv zu sein: Die Zahl der Anschläge hält sich seit einiger Zeit in Grenzen, wozu auch die umstrittene neue Grenzmauer ihren Beitrag leistet.

Am Auffälligsten für den Durchschnittseuropäer ist aber die Vielzahl an Waffen im öffentlichen Leben. Bekanntlich rücken nach der Schule junge Männer für drei Jahre (Mädchen für zwei) in die IDF (Israel Defense Force) ein. Die Armee zählt zu den (auch sozial) wichtigsten Einrichtungen des Landes, was einen nicht verwundert, wenn man weiß, wie sehr Israels Existenzrecht angefeindet wird. Die Wehrpflichtigen laufen nun vollständig bewaffnet durchs Leben, d.h. mit ihrem Sturmgewehr auf dem Rücken. In meinem Hotel in Mizpe Ramon, einer Kleinstadt mitten in der Negevwüste, kamen zwei junge Soldaten selbst zum Frühstücksbuffet mit umgehängten M16. Während der Reise begegnet man immer wieder voll bewaffneten Soldatengruppen auf Ausflügen oder Rundgängen. Man kann sich vorstellen, wie sich Araber in Ostjerusalem fühlen, wenn 20 junge Israelis in voller Montur durch den arabischen Teil der Altstadt „spazieren“.

Apropos Ostjerusalem. Angesichts der medialen Hysterie rund um die Mohammed-Karikaturen, war ich natürlich gespannt, ob sich diese Spannung im Umgang mit Arabern irgendwie bemerkbar machte. Diesen Gedanken im Hinterkopf begann ich meinen ersten ausführlichen Spaziergang durch Ostjerusalem und schon bald kam mir eine Gruppe von palästinesischen Jugendlichen entgegen, die mich interessiert musterten. Sie kamen langsam näher, um mich dann mit einem herzlichen „Welcome in Jerusalem“ zu begrüßen.

Die Sicherheitskontrollen bei der Ausreise waren extensiv. Man wurde ausführlich über die Reiseroute befragt, mit der deutlichen Intention einen in Widersprüche zu verwickeln. Der Koffer wurde sowohl nach Sprengstoff durchleuchtet als auch manuell durchsucht. Besonders Interesse erweckte auch meine letztjährige Reise nach Ägypten. Wann? Warum? Wohin? Mit wem? …

Israel ist ohne Zweifel ein Polizeistaat, was aus europäischer Perspektive zwar einen schlimmen Beigeschmack hat, wofür man vor Ort angesichts der Bedrohungslage jedoch auch sehr viel Verständnis aufbringt. Wer sieht, wie dieses unwahrscheinliche Experiment eines neuen Staates in den letzten 60 Jahren reüssierte und welche gewaltige Aufbau- und Integrationsleistung (Einwanderer aus mehr als 100 Ländern mit 80 unterschiedlichen Sprachen!) die Israelis zustande brachten, sollte sich mit voreiligen Verurteilungen zurück halten.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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