Altes Testament: Bücher Samuel

Bibelgesellschaft; modifizierte Lutherübersetzung

Traditionell nahm man an, die Bücher Samuel wurden von Samuel selbst geschrieben. Diese Verwechslung von genitivus objectivus und subjectivus konnte man bereits beim Pentateuch beobachten „Bücher Mose“ kann selbstverständlich ebenso „Bücher über Mose“ als „Bücher von Mose“ bedeuten. In Zeiten vor der Bibelkritik wurde letzte Bedeutung als Selbstvertständlichkeit angesehen.

Die philologische Lage ist bei diesen beiden Schriften leider nicht so eindeutig wie bei anderen des AT. Die diversen Widersprüche deuten auf einen langen und komplexen Entstehungsprozess hin. Als Beispiel möge dienen, dass die Monarchie sowohl gelobt als auch kritisiert wird. Samuels Kritik ist zitierenswert:

Eure Söhne wird er nehmen für seine Wagen und seine Gespanne, und daß sie vor seinem Wagen her laufen […] Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird der den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben […] [1Sam 8,11ff.]

Das spiegelt das seit Jahrtausenden im Nahen Osten herrschende Misstrauen der unabhängigen Nomadenstämme gegen feste staatliche Strukturen. Kein Hindernis für Samuel allerdings, kurz darauf Saul zum ersten israelischen König zu salben, „der war ein junger schöner Mann, und es war niemand unter den Israeliten so schön wie er, eines Hauptes länger als alles Volk.“ [1Sam 9,2] Eine weitere Qualifikation wird nicht genannt. Es folgen die üblichen heroischen Eroberungen.

Nun tritt eine weitere prominente literarische Figur auf: David. Als Samuel auf Anordnung Gottes die Söhne des Isai aus Bethlehem zur Musterung antreten läßt, muss der kleine David erst vom Schafehüten geholt werden. Wir wissen ja seit Kain und Abel, dass Gott eine Schwäche für nomadischen Lebenswandel hat. David wird als Belohnung für seine Siege über die Philister (der heimtückische „Sniper“-Mord an Goliath!) am Hof Sauls aufgenommen. Aufgrund der irrationalen Eifersüchteleien des Königs bricht ein Konflikt zwischen den beiden aus. David soll mehrmals ermordet werden und schenkt dafür als „Belohnung“ mehrmals Saul sein Leben.

Im zweiten Buch Samuel erobert David als König Jerusalem und läßt die Bundeslade dorthin bringen, womit diese Stadt zum ersten Mal als Zentrum der jüdischen Religion beschrieben wird. Nach den ersten Schlachten, scheint David kurzfristig das Interesse für diese Beschäftigung zu verlieren, was sich so liest:

Und als das Jahr um war, zur Zeit, da die Könige ins Feld zu ziehen pflegen, sandte Joab und seine Männer mit ihm und ganz Israel, damit sie das Land der Ammoniter verheerten und Raaba belagerten. David blieb in Jerusalem. [2Sam 11,1ff.]

Damit nicht genug. Nicht nur, dass er als König in Jerusalem bleibt, wo es doch seine Berufsobliegenheit wäre, um diese Jahreszeit wie alle tüchtigen Monarchen ins Feld zu ziehen. Er verbringt seine Zeit statt dessen im Bett mit Batseba, was ihm anscheinend so gut gefällt, dass er ihren Ehemann elegant auf den Schlachtfeld ermorden läßt. Selbstverständlich gibt es eine Art moralisches „happy end“: Nach einer literarischen Strafpredigt seines Propheten Nathan wird anständig bereut.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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