Josephus Flavius: Der Jüdische Krieg

Gelesen in der vergriffenen Ausgabe von Goldmann Klassiker; Geschichte des Judäischen Krieges (Reclam, Amazon Partnerlink)

Bevor ich in sechs Wochen nach Israel aufbreche, wollte ich die wichtigste antike Quelle zur Region (neben der Bibel) nicht länger ungelesen im Bücherregal verstauben lassen. Josephus schildert auf knapp 600 Seiten die Geschichte Palästinas von ca. 180 vor bis 70 nach unserer Zeitrechnung. Wenn man kein Kenner dieser Periode ist, empfiehlt es sich aufgrund der Vielzahl von involvierten Personen, entsprechende Nachschlagewerke parallel zu verwenden. In meinem Fall erfüllten der Große Ploetz sowie einschlägige Artikel aus der Britannica (etwa „Palestine“) diesen Zweck ausgezeichnet.

Josephus war nun kein unbeteiligter Büchermensch, der in Rom sitzend seine Geschichte schrieb. Er war Feldherr des Aufstands auf jüdischer Seite bis er in der Mitte der Auseinandersetzung von den Römern gefangen genommen wurde und sich dann mit den involvierten römischen Persönlichkeiten befreundete. Er beobachtete den restlichen Kriegsverlauf also von römischer Seite aus. Später würde er römischer Hofhistoriker und verfasste das einflussreiche Geschichtswerk von dem hier die Rede ist. Es versteht sich, dass er die Römer deshalb sehr wohlwollend beurteilt. Jedoch keineswegs in einem oberflächlichen „propagandistischen“ Sinn. So beschreibt er sehr genau zahlreiche militärische Fehler, die der römischen Kriegsmaschinerie unterlaufen. Er beschreibt die Römer und vor allem den Feldherrn Titus als (nach antiken Maßstäben gemessen) humane Charaktere. Die Härte des Krieges und die katastrophale Vernichtung des weltberühmten Tempels wird auf jüdische Zwistigkeiten zurückgeführt. Tatsächlich herrschten zwischen diversen jüdischen Fraktionen bürgerkriegsähnliche Zustände, vor allem in Jerusalem vor und während der römischen Belagerung.

Josephus beschreibt die Grausamkeit des antiken Kriegswesens mit beeindruckender Anschaulichkeit. Das fängt bei der verheerenden Wirkung hellenistischer Waffentechnik an (etwa Steinkatapulte die bei einem Treffer gruppenweise Menschen töten) und hört bei dem brutalen Umgang mit der Zivilbevölkerung nicht auf. Bekanntlich pflegte man damals nach der Eroberung einer Stadt oft alle männlichen Bewohner zu töten und die übrigen als Sklaven zu verkaufen. Man lernt viel über antike Kriegstechnik, speziell was Belagerungen angeht.
Josephus war der Sohn einer einflussreichen jüdischen Familie und schrieb die erste Fassung seines Buches auf Aramäisch. Eine Übersetzung ins Griechische folgte erst später. Wie nahe er der jüdische Kultur und Religion steht, wird immer wieder deutlich. Er neigt deshalb auch zu „unhistorischen“ Erklärungsmustern, etwa wenn er das Unglück der Juden durch Vernachlässigung ihrer religiösen Pflichten begründet.

Wer mit anthropologischem Interesse liest, wird ebenfalls nicht enttäuscht werden. Viel erfährt man beispielsweise über religiöse Psychologie. Nimmt man etwa eine Szene, wo eine Gruppe junger Fanatiker aus religiösen Gründen ein römisches Herrschaftssymbol zerstört, könnte deren Rechtfertigung direkt aus dem Mund eines Selbstmordattentäters unserer Tage kommen. Herodes verhört sie:

Dessen erste Frage lautete, ob sie sich wirklich erkühnt hätten, den goldenen Adler zu zerschmettern, was sie ohne weiteres zugaben. Als der König anschließend wissen wollte, wer ihnen den Befehl dazu erteilt hätte, antworteten sie: „Das Gesetz der Väter.“ Und auf die weitere Frage, warum sie so fröhlich gestimmt seien, wo doch der Tod auf sie warte, erwiderten sie, nach dem Tod kämen sie nur in den Genuß eines großen Glücks. [S. 146f.]

Im Vergleich mit Thukydides‘ „Peloponnesischen Krieg“ fehlt Josephus eine vergleichbare intellektuelle Brillanz. Trotzdem empfehle ich uneingeschränkt die Lektüre, auch ohne Israelreise als konkreten Anlass.

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(5. Januar 2013)

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