Thomas Hobbes: Leviathan. Vierter Teil

Meiner Philosophische Bibliothek

Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.

Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das „Sehen von Dämonen“ auf Bewusstseinserlebnisse zurück:

Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet. [S. 537]

Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:

Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms. [S. 555]

Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel „Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung“, Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:

Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch lögische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen. [S. 558]

Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:

Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss. [S. 564]

Ein letztes Beispiel:

Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache […] [S. 576]

Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der „Leviathan“ ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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