Euripides: Elektra

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Diese Ausgabe las ich vor allem deshalb, weil ich mich für die Übersetzung des Kurt Steinmann‘ interessierte. Da ich des Altgriechischen trotz langjähriger gegenteiliger Vorsätze noch immer nicht mächtig bin, kann ich die philologische Leistung nur indirekt beurteilen. Die Anmerkungen und das Nachwort sind vorzüglich, liefern sie doch unaufdringlich und kompetent alles notwendige Hintergrundwissen auf dem aktuellen Stand der Forschung.

Die Übersetzung liest sich ausgezeichnet. Der Elektrastoff ist ja hinreichend bekannt. Über die unterschiedliche Bearbeitung des Stoffes bei Aischylos, Sophokles und Euripides informiert Steinmann ebenfalls ausführlich im Nachwort.

Besonders fasziniert bin ich bei Euripides immer wieder über die Modernität seiner Aussagen. So tritt in „Elektra“ – wie in anderen seiner Stücke – ein Vertreter der griechischen Unterschicht als vorbildlicher Mensch auf. Orest betont, dass man Menschen nicht nach ihrem sozialen Status beurteilen kann:

Für eines Mannes wahren Wert gibt es kein sicheres Merkmal;
die menschliche Natur weist hier Verwirrung auf.
Denn oft sah ich eines edlen Vaters Spross,
der eine Null war, und von Niederen tüchtige Kinder,
sah Hohlheit auch im Denken manchen reichen Mannes,
und hohen Sinn in einem armen Leib.
Wer wird da einer diese recht zergliedern und entscheiden?
Nach Reichtum? Einen üblen Richter setzte er dann ein!
Nach Mangel an Besitz? Doch eine Krankheit hat
die Armut, lehrt durch Not sie doch den Menschen schlecht zu sein.
[V 367ff.]

Auch der „Alte Mann“ äußert sich entsprechend:

Wohl adlig sind sie, doch dies Zeichen trügt gar leicht:
denn viele, die zwar adlig sind, sind dennoch schlecht.

[V. 550f.]

Auf der anderen Seite verteidigt der Chor das konservative Frauenbild der Athener, das demjenigen islamistischer Fundamentalisten um nichts nachsteht:

In allem soll doch eine Frau dem Manne weichen,
wenn sie verständig ist; die, welche nicht so denkt,
die zählt in meinen Überlegungen rein nichts.

[V. 1051ff.]

Wobei zu ergänzen ist, dass es sich hier um ein oft formuliertes Idealbild der griechischen Frau handelt, das vermutlich im Athener Alltag nur sehr eingeschränkt eingehalten wurde. Hier gehen die Meinungen unter den Gelehrten allerdings auseinander.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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