Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (11)

Buch 16 dtv-bibliothek

Als kleinen Nachtrag zum Thema „Antiurbanität und Religion“ im 10. Teil dieser beliebten Augustinus-Reihe möchte ich noch nachtragen, dass heute prompt auf CNN sogenannte „Menschen auf Straße“ aus New Orleans zu hören waren, welche die Flut als Gottesstrafe gegen die sündigen Bewohner ansahen.

Das sechzehnte Buch setzt nach der Sündflut fort, über die Söhne Noahs zum Turmbau von Babel, ohne den heute ja viele Linguisten arbeitslos wären. Ganz läßt ihn aber die Flut nicht los. Augustinus ist viel zu intelligent als dass er die Schwäche seiner historischen Interpretation nicht zumindest ahnte, weshalb er sich weiter um Erläuterungen bemüht. Konkret zur Frage, wie denn die Tiere wieder auf weit entfernte Inseln gekommen seien:

Unglaublich freilich wäre es nicht, daß die Menschen sie fingen, mit sich nahmen und an ihren neuen Wohnsitzen als Jagdwild einführten, auch konnten sie unfraglich auf Geheiß oder Zulassung Gottes von Engeln dorthin gebracht werden. [S. 292]

Läßt man einmal die Engel als Organisatoren von Massentiertransporten außer acht, ist die erste Hypothese gar nicht so dumm. So weiß man heute, dass pazifischer Inseln durch Polynesier mit Tieren kolonisiert worden sind. Freilich nur mit wenigen Tierarten, so dass man auch damit keine adäquate Erklärung hätte.

Ausführlich interpretiert Augustinus nun das Wirken Abrahams, einschließlich der wohl besten Veranschaulichung, wie weit Religion fantatisierte Menschen treiben kann: das Opfer Isaaks. Religiöse Befehle sind blind zu befolgen, auch wenn sie fundamentale ethische Regeln verletzen. Wenig überraschend also, dass dies „sinnbildlich“ erklärt wird. Trotzdem gilt:

Niemals wäre Abraham auf den Glauben gekommen, Gott habe an Menschenopfern Wohlgefallen, doch wenn ein göttliches Gebot erschallt, soll man gehorchen, und keine Einwendungen machen. Rühmenswert aber ist, daß Abraham überzeugt war, sein Sohn werde, wenn hingeopfert, alsbald wieder auferstehen. [S. 334]

Ein eklatantes Beispiel wie ähnlich die monotheistischen Religionen funktioniert, denkt man an Testamente von islamischen „Märtyrern“ und der Reaktion ihrer Familien.
Augustinus‘ literarisches Talent ist während des gesamten Werkes offensichtlich. Ab und zu versteigt er sich aber zu Bildern, die durchaus komisch sind:

So mußte den Lots Weib, da sie sich umblicktem zurückbleiben und, in Salz verwandelt, den gläubigen Menschen sozusagen als Würze dienen, um ihnen die Lebensweise schmackhaft zu machen, durch welche man solches Schicksal vermeidet. [S. 332]

Jacobs Geschichte schließt dieses Buch ab.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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