Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (9)

Buch 14 dtv-bibliothek

Der Titel „Eine weitere Folge des Abfalls: Der Aufruhr des Fleisches“ gibt bereits hinreichend über das Thema Auskunft: Es geht um Sex. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es um das Sexualleben von Adam und Eva im Paradies bestellt war, sollte unbedingt zum vierzehnten Buch des „Gottesstaates“ greifen. Vorher erörtert Augustinus aber noch in extenso, warum er mit den Fleischlichkeits-Theorien der antiken Philosophen, speziell der Platoniker, nicht übereinstimmt:

Zwar sind die Platoniker nicht so töricht wie die Manichäer, daß sie irdische Körper als wesenhaft böse verabscheuen […] Jedoch nehmen sie eine derartig schlimme Beeinflussung der Seelen durch die irdischen und todverfallenen Gliedmaßen an, daß die Krankheiten ihrer Begierden, Ängste, Freuden und Schmerzen von daher stammen sollen.
[S. 162f.]

Es folgt eine umfassende Abhandlung der Affekte aus theologischer Sicht unter spezieller Berücksichtung stoischer Vorstellungen dazu. Vor dem Sündenfall gab es diese starken Affekte nicht, womit wir nun endlich im Paradies angekommen sind. Das böse Verbrechen dort war die Verweigerung des Gehorsams. Naturgemäß müssen totalitäre Weltanschauungen blinden Gehorsam über alles stellen:

Aber in dem göttlichen Gebot war Gehorsam eingeschärft, eine Tugend, die bei vernünftigen Geschöpfen sozusagen Mutter und Wächterin aller Tugenden ist. Denn sie sind so geschaffen, dass untertan zu sein ihnen heilsam, dagegen ihren eigenen Willen statt dem des Schöpfers zu folgen verderblich ist.
[S. 183]

Mein Verdacht, dass Kleriker heute ihren Augustinus nicht mehr kennen, bestätigte sich im Folgenden. Ginge es nämlich nach dem Kirchenvater, müsste die katholische Kirche glühende Verfechterin von künstlichen Befruchtungstechniken sein. Denn idealerweise sollte die Vermehrung des Kirchenvolks ohne Wollust vor sich gehen:

Wer aber […] möchte nicht lieber, wenn’s möglich wäre, ohne Wollust Kinder erzeugen, so daß auch bei diesem Akte die hierzu erschaffenen Glieder, ebenso wie die übrigen Glieder bei verschiedenen Verrichtungen für die sie bestimmt sind, dem Geiste dienstbar wären und auf Willensgeheiß hin in Tätigkeit träten, aber nicht durch die Glut der Wollust angereizt würden. [S. 190f.]

Die anschließende Behandlung des Schamgefühls ist insofern soziologisch interessant, als diese Seiten einen guten Beleg gegen den Gegenstandsbereich von Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie bilden, da er diesen Prozess erst im Mittelalter beginnen läßt, während sowohl Affekt als auch Diskussion darüber bereits in der Antike zu finden ist.
Ohne Sündenfall hätte es im Paradies übrigens dort Sex und Kinder gegeben, jedoch ohne „unreine Begierden“. Kein Wunder, dass Adam den Apfel genommen hat …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets