Jean Paul: Siebenkäs [2.]

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Vor mehr als zehn Jahren las ich den Roman zum ersten Mal und war nun gespannt, ob ich mein damaliges Urteil würde revidieren müssen. Davon kann nun erfreulicherweise keine Rede sein, da mich Jean Pauls Können erneut sehr beeindruckte. Literaturhistoriker sprechen nicht unberechtigterweise vom ersten realistischen Eheroman der deutschen Literatur. Denkt man sich das historische Kolorit weg, dürfte die brillant beschriebene negative Beziehungsdynamik auch im 21. Jahrhundert noch sehr aktuell sein, speziell was die Konfilkteskalation ausgehend von Kleinigkeiten betrifft.

Jean Paul zeigt sich als glänzender komischer Schriftsteller, wenn er Siebenkäs beispielsweise in dessen Arbeitszimmer an satirischen Schriften sitzen läßt, und dieser gebannt auf jede Bewegung seiner putzwütigen Gattin hört. Je leiser diese ihren Furor auslebt, desto mehr muss der Armenadvokat hinhören. An intellektuelle Produktion ist dabei natürlich nicht zu denken.
Wie in vielen Komödien, die von Figurenkomik leben, bleibt der Charakter der Eheleute statisch. Die Konflikte laufen immer nach einem ähnlichen Muster ab, psychologische Entwicklung auf dieser Ebene gibt es nicht. Auch andere Personen des Romans, wie der biedere Prediger Pelzstiefel, entsprechen uneingeschränkt den Lesererwartungen.

Stilistisch ist „Siebenkäs“ ein Feuerwerk an Metaphern, Analogien, Parodien und Wortwitz. Jean Pauls breites Vokabular aus allen Sprachfeldern sucht man in anderen zeitgenössischen Büchern vergeblich. Ab und zu wird sein rhetorisches Feuerwerk etwas zu dicht, aber das verzeiht man ihm wegen seiner Brillanz gerne. Nebeneffekt dieser Sprache: Dem Leser wird eine langsame, konzentrierte Leseweise aufgezwungen.

Der Roman ist eine ungewöhnliche Mixtur aus überschäumender inhaltlicher und sprachlicher Origininalität und „zeitgeistigen“ Themen. Zu letzteren könnte man den im 18. Jahrhundert populäre pathetische Freundschaftstopos zählen oder seine oft ins Arkadisch abgleitende Naturschilderungen (speziell in Bayreuth). Ohne Zweifel einer der lesenswertesten deutschen Romane.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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