Emile Male: Die Gotik.

Untertitel: „Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk“

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Wann werden wir endlich begreifen, daß Frankreich auf dem Gebiet der Kunst nie etwas Größeres geschaffen hat als seine Kathedralen?

[S. 344]

Mit dieser Frage beendet Emile Male seine fulminante Studie. Der Weg dorthin führt den Leser zu der Einsicht, dass diese Kirchenbauten aus dem Hochmittelalter Kunstwerke von einer semantischen Dichte sind, denen man kunsthistorisch wohl nur wenig an die Seite stellen kann. Male bezieht in seine Argumentation das gelehrte Schrifttum des Mittelalterls in extenso ein. So gelingt es ihm nicht nur die Ikonographie plausibel zu machen.

Dies schlägt sich bis in die Struktur der Studie nieder. Leitfaden derselben ist der „Spiegel“ des Vincentius von Beauvais, einer Enzyklopädie des Mittelalters. Das Mittelalter war von Wissenskompilationen dieser Art bekanntlich sehr angetan, was auch die zahlreichen „Summen“ zeigen. Das Werk des Beauvais gliedert sich in vier Teile: Spiegel der Natur, Spiegel der Wissenschaft, Spiegel der Moral und Spiegel der Geschichte. Die zentralen Kapitel von „Die Gotik“ stellen an diesen Linien entlang das klassische Bildprogramm der Kathedralen vor.
Das „Natur“ und „Wissenschaft“ in der mittelalterlichen Bedeutung der Begriffe gebraucht werden, braucht nicht betont zu werden. So ist der „Spiegel der Natur“ anhand der Schöpfungstage aufgebaut.

Male argumentiert sehr vorsichtig und analytisch. Gäbe es analog zur Analytischen Literaturwissenschaft eine ebensolche Kunstwissenschaft, wäre er ein Kandidat par exellence. So lehnt er nicht belegbare „Totalsemantisierungen“ des Bildmaterials ab. Während andere Kunsthistoriker versuchen, noch jedes Blatt symbolisch zu verstehen, beschränkt sich Male ikonographisch auf nachweisbare Bezüge. Eine ausgezeichnetes Buch, nach dessen Lektüre man gotische Bauwerke mit ganz anderen Augen sieht.

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(5. Januar 2013)

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