Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (4)

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Die Erzählung des Ordensbruders las ich gerne, bürgen auftretende Teufel doch oft für ausgezeichnete literarische Qualität. Nett, dass die Teufel auf die Macht Gottes angewiesen sind:

Zuweilen werden wir in Gottes Hand
Als Werkzeug seines Willens wohl verwandt
Zu manchem Zweck, in mancherlei Gestalten
Will grad er so mit den Geschöpfen walten.
Wir haben ohne ihn in dieser Welt
Nicht Macht, wenn er sich uns entgegenstellt.

(V. 1483ff.)

Die Erzählung des Kirchenbüttels ist eine nette Retourkutsche, und die fulminante Darstellung eines gierigen Klerikers ist ja gerade in diesen Tagen ein wohltuender Kontrapunkt zur allgegenwärtigen medialen Heuchelei. Ein solider Derbheitsgrad wie auch schon bei früheren Texten der Sammlung.

Der Scholar schließlich erzählt die bekannte Griseldis-Geschichte, die selbst für spätmittelalterliche Verhältnisse so bieder ist, dass Chaucer nachher einen relativierenden Kommentar einfügt:

Die Sage lehre nicht, die Frauen sollten
Griseldis folgen in Ergebenheit,
Nicht tragbar wäre das, auch wenn sie wollten;
Vielmehr daß jedermann zu seiner Zeit
Ausharren soll in Widerwärtigkeit
Gleichwie Griseldis

(V. 1142ff.)

Er deutet die Aussage also in eine allgemeine Empfehlung um: man möge stoisch sein. Eine so blinde und demütige Liebe im Angesicht von Brutalität und Ungerechtigkeit ist an sich schon schwer erträglich. Das happy end macht es naturgemäß nicht besser. Nicht, dass es nicht schöne Stellen gäbe:

Doch solche Leute trifft man oft im Leben,
Die, wenn sie einen Vorsatz erst gefaßt,
Daran mit solchem Starsinn kleben,
Als ob sie gleichsam fest an einen Mast
Gebunden wären.

(V. 701ff.)

Populismus-Kritik:

„O windiges Volk! So haltlos, ungetreu!
Unstet und wechselnd wie ein Wetterhahn!
Du freust dich jedes Rummels, ist er neu,
Du schwillst wie der Mond bald ab, bald an,
stets schwatzend, doch kein Deutwert ist daran!
Falsch ist dein Urteil, schwankend, niemals fest;
Der ist ein Narr, wer sich auf dich verläßt.“

(V. 995ff.)

Die Erzählung des Kaufmanns schildert eine missglückte Ehe zwischen einem Greis und einer jungen Frau. Dessen Predigten über die Tugenden der Ehe stehen in krassem Gegensatz zu seinem Verhalten, was erzähltechnisch raffiniert durchgeführt ist. Das Eingreifen Plutos und Proserpinas fügt auch noch eine mythologische Ebene hinzu. Kurz die kunstvollste Geschichte seit der des Ritters.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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