Sportliches

Das Lieblingsspielzeug des erwachsenen Niederländers aber ist jenes, das er seit der Geburt besitzt: der eigene Körper. Damit kann man Sport treiben. Beim Sport jagt man dem eigenen Schwanz nach oder dem eines anderen. Einen runden Schwanz nennt man Ball. Sonntags rennen die Leute selber hinter Bällen her oder schauen anderen beim Geballe zu. Wo früher Tempel und Kirchen standen, ragen jetzt Stadien in den Himmel; Sportler werden wie Priester verehrt und wie Kaiser bezahlt. In Sportschulen und Fitness-Studios trainieren die Leute ihre Körper nicht, um schneller zu rennen oder höher zu springen, sondern um des Trainings willen. Der Mensch ist sein eigener Ball geworden. Mit der Stärkung der Gesundheit hat Sport nur wenig zu tun. Es hat noch keiner beweisen können, dass man durch Sport gesund wird. Dass man sich dabei verletzen kann, ist allerdings erwiesen: Allein in den Niederlanden passiert das eine Million mal pro Jahr. Normale Bewegung ist zweifellos sinnvoll, doch im Spitzensport bringen die Leute durch Doping und Training ihr Leben in Gefahr. Warum verstecken sich Sportler dann aber hinter der Gesundheit? Man legt doch auch kein Puzzle oder liest ein Buch, um seinen Cholesterinspiegel zu senken. Warum geben sie nicht zu, dass es einfach schön ist, zu spielen wie ein Kind, und am liebsten, wie beim Sport, in Kinderkleidern: kurze Hosen, Kniestrümpfen, dämlichen Mützen und karierten Röckchen. Puzzeln und Lesen geschieht aber nach wie vor in langen Hosen.

[Dekkers, Von Larven und Puppen. S. 271f.]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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