Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (3)

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Die Erzählung des Müllers: Chaucer hält die Erzählperspektive des ungebildeten Müllers nicht immer durch, da er regelmäßig „gebildete“ Anspielungen einfließen läßt. Cato etc. Die Astrologie wird als Gegenspieler des Glauben dargestellt:

Der Mann ist hier durch Sternenguckerei
In Wahn verfallen oder Raserei.
Ich dacht es immer, ob das gut wird gehen!
Ich lobe immer mir den schlichten Mann,
Der weiter nichts als seinen Glauben kann!

[3451ff.]

Gut gefiel mir auch, dass die Erzählung nicht nur religiöse Naivität aufs Korn nimmt, sondern der zentrale Betrug mit der gefälschten Sintflut auch von einer gehörigen religiösen Respektlosigkeit zeugt, die man im Mittelalter so nicht erwartet hätte.

Die Erzählung des Rechtsanwalts hat mich wieder deutlich stärker interessiert. Einerseits die religiöse Thematik und die Darstellung des Islam (kombiniert mit dem klassischen Motiv der bösen Schwiegermutter). Andererseits kommt Konstanze ja für mittelalterliche Verhältnisse geographisch weit herum.

Der Islam wird aufgrund der Intrige schurkisch dargestellt, was ebensogut zum Zeitgeist des 14. Jahrhunderts passt wie zum unserigem. Die zweite böse Schwiegermutter in der Geschichte ist ja auch eine Heidin, so dass man eigentlich schon von einer christlichen Propagandaerzählung sprechen kann. Das happy end für die braven Neu- und Altchristen rundet das Bild schön ab. Christliche Tugenden werden auch regelmäßig gepriesen:

O schnöde Wollust, sieh hier, wie du endest!
Du läßt nicht nur die Geisteskräfte schwinden,
Es ist gewiß, daß du den Leib auch schändest.
Das Ende deines Werks und deiner blinden
Gelüste ist die Klage
[…]
[V. 925ff.]

Die Erzählung der Frau von Bath: Hochgradig verblüfft hat mich die lange Rechtfertigungsrede der Frau von Bath im Prolog, die meinem Eindruck nach nur noch wenig Mittelalterliches an sich hat. Die Gute ist sich durchaus ihre individuellen Rolle im Leben bewusst und hat auch ausführlich über ihr Lebenskonzept nachgedacht. Pikant auch ihre innovativen religiösen Interpretationen, die sie mit Bibelstellen belegt. Etwa zum Thema Ehe:

Denn der Apostel sagt, von Gottes wegen
Steht meiner Wahl zum Frein nichts entgegen,
Er heißt uns Heirat nicht als Sünde meiden.

[V. 49ff.]

Die Erzählung selbst enthält dann auch eine vergleichsweise moderne psychologische Komponente. Sowohl was die Lösung des Rätsels angeht als auch dass überhaupt nach einem psychologischen Motiv explizit gesucht wird. Das ist mir bisher in der Literatur des Mittelalters noch nicht begegnet.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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