Geoffrey Chaucer: Die Canterbury Erzählungen (2)

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Chaucer stellt im Prolog die handelnden (sprich: erzählenden) Figuren ausführlich vor, und diese Beschreibungen sind ein fulminanter Auftakt! So pointiert-ironische Portraits kannte ich bisher aus der mittelhochdeutschen Literatur nicht, vielleicht mit der Ausnahme von Gottfrieds „Tristan“.

Wobei mir einige von Chaucers Beschreibungen eher konventionell (der brave Dorfpfarrer etwa) anmuten, während andere dagegen ungewöhnlich sarkastisch sind (der Mönch). Könnte gut sein, dass diese Gegenüberstellungen ästhetisch beabsichtigt sind, steigern sie doch die Wirkung.

Diese Kontrastierung ist auch in kleineren Motiven durchgezogen, etwa was die Zuneigung zu Büchern angeht:

Mönch:
Sollt er studieren und verrückt sich machen,
Stets über Büchern nur im Kloster sitzen,
Und gar bei seiner Hände Arbeit schwitzen,
Wie Augustin befiehlt? Was hilft’s der Welt?
Mag er sich plagen, wenn’s ihm gefällt!

[V. 184ff.]

Scholar:
[Das gefällt mir so gut, dass ich es ausführlich zitieren muss]
Da war ferner aus Oxford ein Scholar,
Der Logik schon studiert manch liebes Jahr.
Sein äußerst magres Pferd glich einem Rechen,
Auch er war nicht grad fett, um wahr zu sprechen,
Hohläugig sah er aus und ernst, so mein ich,
Sein Mäntelchen war kurz und fadenscheinig;
Noch hatte er’s zur Pfründe nicht gebracht,
Da er an Amt und Vorteil nie gedacht.
Mehr liebt‘ er zwanzig Bücher überm Bett,
Schwarz-rot gebunden auf dem Bücherbrett
Von Aristoteles‘ Philosophie
Als reiche Kleidung, Fiedel und Psaltrie.
Doch wenn er auch ein Philosoph schon war,
Enthielt sein Koffer wenig Geld in bar;
Denn alles, was von Freunden ihm gespendet,
Zum Studium er und Bücherkauf verwendet.

[V. 285ff.]

Anhand dieser Stellen kann man sich auch gleich ein Bild von der Übersetzung des Martin Lehnert machen, die mir bisher sehr gut gefällt. Lehnert schreibt in der Einleitung zur Insel Ausgabe, dass das Mittelenglische dem Neudeutschen lautlich viel ähnlicher sei als dem Neuenglischen, weshalb sich der Text besser ins Deutsche als ins Neuenglische übersetzen lasse. Das ist doch ein interessante These.

Die proportionale Ausgewogenheit der Erzählung vom Ritter hat mich angenehm überrascht. Chaucer scheint nicht nur einen großen Sinn für den Rhythmus einer Handlungsabfolge zu haben, sondern kommentiert das ja auch immer wieder. Vor allem wenn man weiß, welche literarischen Monster im Spätmittelalter sonst noch so produziert wurden, hebt sich das wohltuend ab.

Was mich literarisch am meisten beeindruckt hat, ist die Beschreibung des Marstempels. Während vorher noch in klassischer Manier Rittertum und Kampf heroisiert werden, öffnet diese Tempelbeschreibung plötzlich einen apokalyptischen Blick auf die Realität von Krieg und Gewalt. Mich hat das stark an H. Bosch erinnert:

Dort sah zunächst ich düstre Schattenbilder
Von Mord und Totschlag, von Gewalt gar wilder;
Den jähen Zorn, wie Kohlen glühend rot,
Den Diebstahl und die Angst, bleich wie der Tod

[…]
Den Meuchelmord am Schläfer in der Nacht,
Und blutige Wunden offner Kriegerschlacht;

[…]
Der kalte Tod mit offnem starrem Munde.
Das Unheil in des Tempels Mitte saß,
Unmutig war sein Blick und voller Haß.
Den Wahnsinn sah ich lachen in der Wut,
Gewaltgeschrei, Alarm und Frevelmut;

[…]
Zerstörte Städte, wüst und ausgeleert.
Ich sah das Schiff verbrannt im Meere schwanken,
Erwürgt den Jäger durch des Bären Pranken,
Das Wiegenkind, wie eine Sau es fraß

[…]
[V. 1995ff.]

Eine so komprimierte Darstellung der Brutalität des Lebens ist in der Mitte einer Rittererzählung doch von einer unerwarteten Subversivität. Spätestens an dieser Stelle wurde mir bewusst, dass Chaucer wirklich ein großartiger Autor ist.

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(5. Januar 2013)

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