Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman

Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der (analytische) Philosoph Peter Bieri. Eigentlich war das die Hauptmotivation, diesen fünfhundert Seiten dicken Roman zu lesen. Kann ein analytischer Philosoph gute Prosa schreiben? Wenn ja, versprach ich mir ein höheres intellektuelles Reflexionsniveau als man es sonst bei Autoren der Gegenwartsliteratur voraussetzen kann.

Der Altphilologe Gregorius, ein solider Gelehrter und klassischer Büchermensch, bricht nach dreißig Jahren plötzlich von einem Tag auf dem anderen von seinem Berner Lehreralltag aus und reist nach Lissabon. Dort geht er den Spuren des (fiktiven) Amadeu Prado nach, dessen Buch er zufällig in einer Buchhandlung in die Hand bekam, und dessen essayistische Brillanz ihn beeindruckt. Außerdem gibt es zu Beginn des Buches noch eine geheimnisvolle Portugisin, die später keine Rolle mehr spielt, was der Architektur des Buches schadet.

Prado ist ein hochintelligenter Geistesmensch, dessen Leben Gregorius in Lissabon nach und nach rekonstruiert. Immer wieder werden ausführliche „Übersetzungen“ aus den Aufzeichnungen des portugiesischen Arztes eingeschoben. Fernando Pessoa und dessen „Buch der Unruhe“ scheint diese Figur inspiriert zu haben.

Mercier versucht ein großes Thema literarisch zu behandeln: Wie soll man leben? Gregorius Lebenskrise, Prados Texte und seine komplexe Biographie (portugiesischer Widerstand) beleuchten diese Frage aus verschiedenen Perspektiven.

Die Texte Prados sind am besten gelungen. Gregorius ist auch eine interessante Figur, allerdings ist der Handlungsablauf des Romans sehr schematisch. Während Mercier bei einzelnen Szenen immer wieder literarische Könnerschaft beweist, überzeugt die Konstruktion des Werks nicht. Die einzelnen Szenen reihen sich vorhersehbar wie umstürzende Dominosteine aneinander. Ein Hinweis hier, ein Gespräch da, der nächste Hinweis dort, das nächste Treffen da…

Das ermüdet gegen Ende des Romans! Es fehlen inhaltliche und ästhetische Überraschungen. Trotzdem las ich das Buch nicht ungern, man kann es auch als Bibliomanikum lesen, in dem viele alte Bücher und einige schrullige Büchermenschen vorkommen.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (Hanser) (Taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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