Nagib Machfus: Palast der Sehnsucht. Roman

Gesamtausgabe Kairoer Trilogie (Unionsverlag 2004; Amazon Partnerlink)

Der zweite Teil der Trilogie schließt unmittelbar an „Zwischen den Palästen“ an. Allerdings sind inzwischen einige Jahre verflossen und Kamal, der kleine Junge des ersten Romans, ist nun ein junger Mann geworden. Er tritt uns als idealistischer Intellektueller entgegen, der sich mit sich mit westlicher Philosophie und den Naturwissenschaften beschäftigt. Man ahnt es schon: Islam und Darwin passen nur schlecht zusammen, ein klassischer Konflikt entsteht. Die konservativ-religiöse Familie bringt keinerlei Verständnis für die geistigen Ambitionen Kamals auf. Die intellektuellen Wünsche des Sohnes prallen in einem ausführlichen Gespräch auf die kaufmännische Weltsicht des Vaters:

Wie konnte der Vater nur solche erhabene Dinge auf dieses niedere Niveau hinunterziehen? Trost fand er nur in dem, was ihm zur Verteidigung der großen Denker durch den Kopf schoß, was er in ihren Werken über das Denken und seine heilige Aufgabe gelesen hatte. Auch sie hatten sich gegenüber den unwissenden Toren wehren müssen, die alles Wissen aus reinem Nützlichkeitssinn der gesellschaftlicher Normiertheit verachteten. [S. 547]

Aufgeklärte Moderne trifft auch den traditionellen Orient. Nicht nur von der Konfliktstruktur her fühlt man sich an große russische Romane aus dem 19. Jahrhundert erinnert, auch Machfus psychologischer Realismus rechtfertigt diese literaturgeschichtliches Assoziation.
Ein weiteres Thema des Romans ist Kamals erste große Liebe. Das Objekt der Begierde ist die für ihn schon aus Klassenunterschieden unerreichbare Schwester seines besten Freundes. Langwierige emotionale Verwicklungen sind die Folge.

Obwohl Kamal im Mittelpunkt des Romanes steht, werden auch die anderen Handlungsstränge rund um die Familie weitergetrieben. Manchmal hat man bei der Lektüre den Eindruck, dass die Konstruktion etwas zu wenig ausgewogen ist: Die Kamalhandlung bekommt ein zu starkes Schwergewicht und man verliert die anderen Figuren immer wieder aus den Augen. Das stört das erfreuliche Leseerlebnis aber kaum. Man sollte die Trilogie aber in der chronologisch korrekten Reihenfolge lesen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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