Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (5)

Bücher 8-10 dtv-bibliothek

Das achte Buch ist philosophisch besonders interessant, da sich Augustinus hier explizit mit Philosophen auseinandersetzt. Sokrates wird beispielsweise „wunderbare Eleganz“ und „bissige Liebenswürdigkeit“ bescheinigt. Platon und die platonische Schule wird über alle anderen Lehren gestellt, was angesichts der Anleihen, welche die Theologie beim Platonismus nahm, nicht überrascht:

Doch hütet [Platon] sich sich vor denen, die beim Philosophieren nur nach den Elementen dieser Welt fragen und nicht nach Gott, der die Welt geschaffen hat.
[S. 387]

Empiristische Ansätze waren und sind den Vertretern Gottes auf Erden immer schon ein Greuel. Weniger gefällt Augustinus freilich der Hang zum Polytheismus und die postulierte Existenz von Dämonen. Die „Dämonen-Ontologie“ hat es ihm besonders angetan, und er widerlegt umständlich, dass Dämonen auf der Stufenleiter der Existenz dem Menschen vorzuziehen seien. Die Verehrung von Engeln und Märtyrern dagegen sei eine lobenswerte Angelegenheit.
Im neunten Buch fällt der Kirchenvater mit der im eigenen brillanten rhetorischen Boshaftigkeit über die armen Dämonen her. Methodisch interessant wird es, wenn er auf die ethischen Theorien der Stoiker und der Peripathetiker zu sprechen kommt und sprachanalytisch vorgeht. Man stritte hier nur über Worte:

Ebenso scheint sich mir auch bei der Frage, ob der Weise von Gemütsbewegungen bewegt werde, oder ob sie ihm fremd bleiben, der Streit mehr um Worte als um Sachen zu drehen, und ich bin der Meinung, daß die Stoiker, soweit der Sachverhalt und nicht der Wortlaut in Betracht kommt, hierüber nichts anderes denken als die Platoniker und Peripatetiker.
[S. 430]

Besonders empört ist Augustinus über das Konzept, dass Dämonen zwischen Menschen und Göttern als Vermittler tätig sind. Eine Fülle von Argumenten führt er dagegen an.
Der erste Band meiner dtv Ausgabe schließt mit dem zehnten Buch, einem Versuch in fortgeschrittener Engel-und-Dämonen-Komparatistik. Wie im „Gottesstaat“ insgesamt, stößt man immer wieder auf interessante Details am Rande. Etwa wenn Augustinus das Konzept der Nächstenliebe – immerhin die zentrale marketing proposition des Christentums – schnurstracks zum Missionierungsinstrument erklärt:

Denn wer sich selbst liebt, will ja im Grund nichts anderes als glückselig sein. Dies Ziel aber ist, Gott anzuhangen. Wenn also dem, der sich selbst recht zu lieben weiß, geboten wird, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird ihm nichts anderes geboten, als dem Nächsten, so gut er’s vermag, die Gottesliebe lieb zu machen.
[S. 470]

Vornehmste Aufgabe der Nächstenliebe ist als die Bekehrung der Heiden und daran hat sich ja bis heute wenig verändert, wenn Missionare in aller Welt subtil Nahrung und medizinische Betreuung gegen den richtigen Glauben tauschen.
En passant sei noch bemerkt, dass Augustinus eine moderne religionsgeschichtliche Auffassung vorwegnahm. Die Theorie, die durch Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“ berühmt wurde, findet sich bereits im „Gottesstaat“:

Ebenso wie die rechte Erziehung des einzelnen Menschen schritt auch die des Menschengeschlechts, wenigstens so weit das Volk Gottes in Frage kam, in gewissen Zeitabschnitten, den Altersstufen vergleichbar, voran, so daß es sich allmählich vom Zeitlichen zur Erfassung des Ewigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erhob.
[S. 489]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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