Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (3)

Buch 5 dtv-bibliothek

Drei Themen bestimmen dieses Buch: Weitere Kritik am Aberglauben, speziell der Astrologie; die Willensfreiheit; die Antwort auf die Frage, warum Gott das römische Reich so groß gemacht hat.

Augustinus‘ Argumente gegen die Astrologie sind immer noch valide, weist er doch eloquent auf die zahlreichen Widersprüche hin, in die man sich verwickelt, wenn man an den Einfluss der Sterne als determinierend für das menschliche Schicksal ansieht:

Aber zur Erklärung der gleichartigen Erkrankung die Konstellation des Himmels oder der Gestirne, wie sie zur Zeit der Empfängnis oder Geburt war, heranziehen zu wollen, wo doch so viele Geschöpfe von verschiedenster und größter Verschiedenheit im Wirken und Ergehen zur gleichen Zeit, in derselben Gegend und unter demselben Himmel empfangen und geboren werden konnten, das verrät unglaubliche Dreistigkeit. [S. 222]

Erörtert und widerlegt werden noch bekannte antike „Beweise“ für astrologische Behauptungen. Augustinus sucht auch nach Falsifikationsinstanzen und verweist auf zweigeschlechtliche Zwillingspaare, die sich höchst unterschiedlich entwickeln. Schließlich unterscheidet er höchst modern zwischen konstruierten und empirisch plausiblen Einflüssen der Gestirne:

Es wäre freilich nicht ganz so absurd, wollte man sagen, daß gewisse Ausstrahlungen der Gestirne körperliche Verschiedenheiten – aber nur solche – bewirken, wie wir ja auch sehen, daß durch die Annäherung und Entfernung der Sonne die Jahreszeiten wechseln und durch Zunahme und Abnahme des Mondes manche Dinge wachsen oder hinschwinden, wie Meerigel, Muscheln und des Ozeans wundersames Auf- und Niederwallen, während die Willensakte der Seele durch den Stand der Gestirne nicht beeinflußt werden. [S. 230]

Wer schon immer wissen wollte, warum das römische Reich eine solche Blüte erlebt hat, bekommt es von Augustinus geduldig erklärt. Der ganze imperiale Aufwand diente schlicht dazu, den Christen als Vorbild auf unterschiedlichen Ebenen zu dienen. Das römische Reich als pädagogische Maßnahme für eine narzisstische neue Weltreligion:

So ward durch die weite Ausdehnung, die lange Dauer und den hohen Ruhm des Reiches, einerseits jenen Männern der Lohn, den sie erstrebten, zuteil, andererseits aber wurden uns hier Vorbilder zur nötigen Ermahnung vor Augen gestellt. Nun ist es klar: Wenn nicht auch wir um des ruhmreichen Gottesstaates willen an den Tugenden festhielten, wie sie in ähnlicher Weise […] müßten wir vor Scham vergehen. [S. 263]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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