Kafka und Prag

In Salzburg kann man hautnah miterleben, wie man den Salzburgkritiker Mozart in eine verkitschte Gelddruckmaschine verwandelt hat. Ein paar Jahre in Salzburg lebend, konnte ich diese Kombination aus fulminanter Geschmacklosigkeit und schlecht getarnter Geldgier fast täglich erleben, es genügte ja ein Gang durch die Altstadt.

Nachdem Prag sich nun seit einiger Zeit dem Segen des Kapitalismus erfreuen darf, erwartete ich dort Ähnliches zu sehen, nur eben mit Kafka statt Mozart in der Hauptrolle. Weit gefehlt. Ja, es gibt Franz-Kafka-Restaurants und es gibt Franz-Kafka-Kaffeehäuser. Auch an einigen zweifelhaften Souveniren fehlt es nicht. Trotzdem ist der Umgang der Prager mit ihrem berühmten Bürger vergleichsweise dezent.

Zu dezent? Mein Erstaunen war groß als ich nur das Geburtshaus mit einer Gedenktafel versehen fand. Weder den Wohnungen Kafkas, noch seine Schule(n) oder Arbeitsstätten ist von außen anzusehen, dass es sich um wichtige literarische Orte handelt. Offenbar bestehen von tschechischer Seite noch Vorbehalte, sich im öffentlichen Raum mit dem jüdisch-deutschen Schriftsteller auseinanderzusetzen.

Unterwegs war ich mit dem vorzüglichen Band „Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch“ von Klaus Wagenbach, das seinen Zweck nicht besser hätte erfüllen könnte. Auf den Umschlagseiten jeweils ein alter und ein aktueller Stadtplan, in denen alle Stätten penibel eingetragen sind. Im Text werden die jeweiligen Orte ausführlich beschrieben und mit Zitaten ergänzt. Besonders hilfreich und ansprechend sind die zahlreichen Fotos aus dem alten Prag, so dass man auf einen Blick erkennt, ob ein Gebäude noch im ursprünglichen Zustand ist. Der perfekte literarische Reiseführer.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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