Nicholas Boyle: Goethe. Band I. 1749-1790

Es bedurfte zweier Anläufe, dieses umfangreiche Buch zu beenden. Die erste Hälfte las ich im Sommer letzten Jahres, den Rest in den letzten Wochen. Ein eindeutiges Urteil ist nicht möglich. Boyle hat eine ungeheure Fleißarbeit vorgelegt, seine biographische Darstellung gehört zu den umfangreichsten der letzten Jahrzehnte. Man findet darin durchaus inspirierte Schilderungen des berühmten Lebens, teilweise liest es sich aber auch wie eine Pflichtübung. Boyle wechselt kapitelweise zwischen Lebens- und Werkbeschreibungen. Letztere sind der größte Schwachpunkt des Buches.

Methodisch gesprochen verwendet der englische Germanist eine unreflektierte hermeneutische Herangehensweise, mit biographischem Einschlag, versteht sich. Seine Interpretationen schließen lange Inhaltsangaben mit ein, was bei den vielen entlegenen Werken, die er bespricht, nicht verdienstlos ist. Ab und zu verfällt Boyle in wildes Spekulieren, etwa wenn er sich darüber Gedanken macht, wie nicht-fortgesetzte Werke wohl beendet worden wären, oder wie eine verlorene erste Fassung ausgesehen haben mag. Spätestens an solchen Stellen, wären einige explizite Hinweise über die eigene Arbeitsweise angebracht, Boyle bleibt jedoch immer „naiv“. Andere Forschungsliteratur erwähnt er kaum, überhaupt fehlt eine Auseinandersetzung mit der Goethe-Forschung.

Die nahe liegende Rechtfertigung, dieses Buch sei in erster Linie für den interessierten Laien geschrieben, ist wenig stichhaltig. So sehr ich es mir wünschte: diese achthundert, eng bedruckten Seiten werden nicht sehr viele „normale“ Leser finden, weshalb ein Blick auf die germanistische Zielgruppe durchaus angebracht gewesen wäre.

Die Lektüre lohnt sich durchaus, man erfährt viel Detailliertes aus Goethes Leben. Meine Prognose ist allerdings, dass dieses mehrbändige Werk, in erster Linie als Nachschlagewerk dienen wird, einen Zweck, den es durchaus erfüllt, kritische Leser vorausgesetzt.

Nicholas Boyle: Goethe. Band I (C.H. Beck)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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