Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (5)

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Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches „Quasi-Gesetz“. Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:

[…] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.

Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:

So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.

Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:

Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat […] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.

Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:

Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.

Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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