Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (3)

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Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.

Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:

Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren […]

Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die „Gutmenschen„, und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:

Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben […]

Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.

Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:

Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?

Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:

Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss […]

Willkommen, Mytilene in der „axis of evil„. Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.

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(5. Januar 2013)

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