Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (1)

dtv Bibliothek der Antike

Man kann über den „Kanon“ sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (…) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke.

Thukydides (ca. 460-404) ist ein besonders herausragendes Beispiel. Gerne wird er als Begründer der modernen Geschichtsschreibung tituliert, obwohl er eigentlich hauptsächlich seine Gegenwart beschrieb. Als Leser hatte er allerdings nicht in erster Linie seine Zeitgenossen im Auge:

Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag sie so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt. [S. 36]

Die „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ sollte nicht nur die tatsächlichen Ereignisse schildern, sondern auch die anthropologischen Fundamente dieser Auseinandersetzung freilegen. Die brillante Umsetzung dieses Vorsatzes ist sicher eine Ursache für den Erfolg des Buches.

Man braucht viel Phantasie, um sich den riesigen Umfang des Projekts vorzustellen. Zwar waren Herodots Historien in Athen bekannt, nach Thukydides‘ methodischen Vorstellungen jedoch gänzlich unbrauchbar. Nicht einmal ein für die Geschichtsschreibung verwendbares einheitliches Kalendersystem gab es, die Städte in Hellas wandten diverse Notationen an (meist bezogen auf in der Vergangenheit amtierende Würdenträger). Thukydides behalf sich mit einer auch heute noch plausiblen Einteilung in Sommer und Winter. Die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Angaben konnte astronomisch bestätigt werden (er erwähnt mehrmals Sonnenfinsternisse).

Das Geschichtswerk füllt heute etwa 630 engbedruckte Seite, für antike Verhältnisse ein beachtlicher Umfang. Wie Thukydides im einzelnen seine Informationen zusammentrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Als wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit hatte er sicher viele Kontakte. 424 wurde zu einem der zehn Strategen gewählt, hatte jedoch kein Kriegsglück und wurde deshalb aus Athen verbannt. Verbannung bedeutete zwangsläufig, sich in (aus athenischer Perspektive) feindlichen Städten aufzuhalten zu müssen. Es ist naheliegend, dass diese gegnerische Sichtweise auf den Krieg zur erstaunlichen Objektivität seines Buches beitrug.
Eine Frage kann auch dieses Werk nicht beantworten, warum nämlich damals in Athen (bzw. Griechenland insgesamt) so viele Geistesleistungen (mehr oder weniger) ex nihilo erbracht wurden, aber das mag eine überflüssige Frage sein, profitieren wir doch heute noch davon.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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