Philip Roth: Der menschliche Makel

Selten konnte man die deutschsprachige Literaturkritik so hysterisch erleben: „Meisterwerk“, „grandios“, „furios“, „atemberaubend“ und eine Fülle ähnlicher Attribute wurde über den neuen Roman von Philip Roth ausgeschüttet. Das Erstaunliche dabei: Diese Hymnen sind berechtigt, es handelt sich um einen brillanten Roman, der keine Vergleiche etwa mit Updikes Rabbit-Tetralogie zu scheuen braucht.

Worin liegen die spezifischen Qualitäten? Eines der klassischen Kriterien für einen guten realistischen Roman ist Welthaltigkeit. Der semantische Reichtum der fiktionalen Welt sollte so umfassend sein, dass ein repräsentatives Portrait des gewählten Wirklichkeitsauschnittes entsteht. Roth erschuf in „Der menschliche Makel“ nun eine Welt von erstaunlicher Komplexität, die nicht nur die verschiedensten Gesellschaftsschichten einbezieht, sondern auch auf individualpsychologischer Ebene den Leser mit vielen authentischen Figuren bekannt macht. Manche beiläufig skizzierten Nebenfiguren entwickeln dabei eine größere Präsenz als viele Protagonisten in durchschnittlichen Romanen.

Teile des Inhalts sind durchaus heikel, knüpfen sie doch an den ebenso beliebten wie fragwürdigen Sport des Political-Correctness-Bashing an. Klischees vermeidet Roth allerdings unter anderem dadurch, dass er den durch Intrigen aus dem College vertriebenen Altphilologen Coleman eine Lebenslüge mit auf den Weg gibt: Als hellhäutiger Schwarzer ergriff er in seiner Jugend die karrierefördernde Gelegenheit, sich als weißen Juden auszugeben. In ausführlichen Rückblenden wird die Jugend Colemans beschrieben, die Demütigungen einer schwarzen Familie im rassistischen Nachkriegsamerika. Nie macht Roth den Fehler, polemisch-oberflächlich anzuklagen. Desto beklemmender wirkt seine realistische Erzählkunst, wenn er sich diesen tristen Themen widmet. Das gilt auch, um ein weiteres Beispiel herauszugreifen, für die Schilderung eines traumatisierten Vietnamveteranen.

Ästhetisch bedient sich der Autor vieler avancierter Mitteln der realistischen Erzählkunst. Souverän wechselt er zwischen Zeit und Raum, wobei viele inhaltliche und sprachliche Bezüge den Roman strukturell zusammenhalten. Die Erzählung und die Dialoge werden immer wieder durch lange erlebte Reden der Figuren unterbrochen. Zwar gibt es einige Kompromisse zugunsten der „Lesbarkeit“, etwa wenn Figuren doppelt vorgestellt werden. Doch diese Kleinigkeiten vermögen die zahlreichen Qualitäten des Buches nicht zu schmälern.

Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman (rororo)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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