Robert Darnton: A Euro State of Mind

The New York Review of Books 3/2002

Es gibt eine Art von intellektueller Folklore, die darin besteht, gewisse Thesen gebetsmühlenartig zu wiederholen, Belege dafür aber schuldig zu bleiben. Eine Spielart davon ist eine undifferenzierte Aufklärungskritik: ohne zu präzisieren, was mit ‚Aufklärung‘ eigentlich gemeint ist, wird diese für eine Reihe von Übeln auf der Welt verantwortlich gemacht, vom Waldsterben bis zu Konzentrationslagern.
Freilich führte bisher noch niemand den Nachweis, welche Ursachen genau dafür in Frage kommen und wie die Kausalkette im Detail aussieht, die von einer teilweise ziemlich heterogenen Denkhaltung im achtzehnten zu diversen Scheußlichkeiten im zwanzigsten Jahrhundert führen soll. Die Vorgehensweise von Adorno und Horkheimer in ihrer inzwischen oft belächelten „Dialektik der Aufklärung“, den Aufklärungsbegriff semantisch so aufzublähen, dass von Homer bis zum Nationalsozialismus alles hineinpasst (vom bösen Jazz gar nicht zu reden), ist vom methodischen Denkansatz auch ohne diese inhaltlich absurden Thesen nicht ernst zu nehmen.

Desto erfrischender wirkt vor diesem Hintergrund der Essay* Robert Darntons, der mit Verve für die Aufklärung eintritt und viel Vorbildhaftes für die Gegenwart herausarbeitet, etwa den sprichwörtlichen Kosmopolitismus unter den Gelehrten des 18. Jahrhunderts:

The Enlightenment itself was a complex movement, full of contradictions and countercurrents. It never commanded the allegiance of a majority among the elite, and it cannot be equated with all of intellectual life in the eighteenth century. But it championed the values that lie at the heart of the European Community today, and it did so in a way that offers an alternative to nationalism – that is, it developed a pan-European mode of existence known at the time as cosmopolitanism. [S. 30]

* Der Essay ist mittlerweile Teile des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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