Details zur geplanten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe

Heute brachte die Post „‚Die Welt ist meine Vorstellung‘. Eine Einführung in die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann“. Vielleicht, weil ich die Ausgabe bereits komplett subskribierte, vielleicht auch, weil ich regelmäßig Presseinformationen erhalte.

Der kleine Band geht detailliert auf die Editionsprinzipien ein:

Im Rückblick auf die Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint Thomas Mann als einer der wenigen Klassiker, die nicht nur weltweit gerühmt, sondern auch gelesen werden. Sein Werk, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, vermag bis heute, ungeachtet aller Moden, Leser wie Forscher zu beeindrucken und neu herauszufordern.

Seit den zwanziger Jahren sind die Romane, Erzählungen und Essays immer wieder in großen Werkausgaben veröffentlich worden. Zu einer anhaltenden Rezeption haben die im Exil entstandene Stockholmer Ausgabe, die 1955 in Ost-Berlin erschienene Aufbau-Ausgabe sowie die unter der Leitung von Hans Bürgin 1960 auf zwölf Bände angelegten und 1974 um einen Band erweiterten Gesammelten Werke in 13 Bänden nennenswert beigetragen.

In den achtziger Jahren wurde zum ersten Mal das Desiderat einer philologisch dokumentierten Edition formuliert. Darauf antwortet das im folgenden Jahrzehnt entwickelte Projekt, das das gesamte überlieferte Werk dieses Autors einer genauen Autopsie unterziehen und in einer Gesamtschau darstellen will. Die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe (GKFA) wird einem Editionsstand entsprechen, den man heute für ein Werk dieses Ranges erwarten darf, um sowohl dem Stand der Forschung wie den Bedürfnissen einer breiteren Leserschaft gerecht zu werden. Allerdings käme es einem unverantwortlichen Anachronismus gleich, wollte man in Anbetracht der jetzigen und zukünftigen elektronischen Archivierungs- und Distributionsmöglichkeiten eine historisch-kritische Ausgabe nach dem Muster jener früheren Monumental-Editionen in Angriff nehmen, die, bis zum Abschluss, oft auch zum Abbruch, sich über Jahrzehnte hingezogen haben. Die Buchausgabe der GKFA wird daher so gestaltet, dass sie in überschaubarer, relativ kurzer Zeit abgeschlossen werden kann und in der Textpräsentation wie in der Kommentierung wegen der unabsehbaren Flut der Sekundärliteratur, berechtigten Verlangen nach zuverlässiger, konzentrierter und überschaubarer Information zu entsprechen vermag.

Zu den Texten: Statt problematischer und fragwürdiger Mischtexte wird, nach Prüfung aller Drucke, Typoskripte oder Handschriften, jeweils der Leittext mit der besten historischen Legitimation zugrunde gelegt. Das ist zwar häufig, aber keineswegs immer, der Erstdruck. Der ausgewählte Text wird stets auch in der ursprünglichen Orthographie und Interpunktion wiedergegeben, jedoch ohne die eindeutig erkennbaren Verschreibungen und Druckfehler. Alle Eingriffe werden in den Kommentarbänden vermerkt. Bei der Angabe von Varianten beschränkt sich die Buchausgabe, um die Lesbarkeit nicht zu gefährden, auf solche denen erkennbar eine inhaltliche oder sprachliche Bedeutung zukommt. Auf der CD-ROM werden dann sämtliche Abweichungen zu finden sein.

Selbstverständlich werden in der Buchausgabe alle vorhandenen Vorstufen, nicht zum Druck gebrachten Passagen oder Ergänzungen in späteren Fassungen dokumentiert. So erfolgt im Komentarband von Buddenbrooks die erste vollständige Transkription der bisher für die Forschung nur durch die Handschrift im Zürcher Archiv zugänglichen Ausgeschiedenen Blätter. Desgleichen die bisher in ihrer Gesamtheit ebenfalls nur handschriftlich vorhandenen so genannten Materialien, d.h. die den Prozess der Vorbereitung und der Niederschrift begleitenden Stichworte, Skizzen, Generationenschemata, Vermögensberechnungen etc.

Beim Doktor Faustus – um ein Beispiel aus dem Spätwerk zu nennen – werden die teilweise andernorts publizierten, aus Kürzungsgründen ausgeschiedenen Partien zusammen mit den bisher unveröffentlichten Streichungen in den Kommentarband aufgenommen.

Der Kommentarband gliedert sich in folgende Teile: Entstehungsgeschichte, Textlage, Quellenlage, Rezeptionsgeschichte, Stellenkommentar und gegebenenfalls Paralipomena.

Im Unterschied zu den übrigen, rein informatorischen oder dokumentarischen Teilen des Kommentars sind die Kapitel über die Entstehungs- und die Rezeptionsgeschichte essayistisch gehalten. Die Beschreibung der Genese beschränkt sich nicht auf die mit Originaldokumenten belegte Chronologie, sondern stellt diese vor den Hintergrund der zeitgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen und literarischen Situation und bezieht das biographische Umfeld wie die späteren autobiographischen Rückblicke mit ein. Auch in der Rezeptionsgeschichte werden die zitierten Belege einem historischen und biographischen Hintergrund zugeordnet.

Die Stellenkommentare geben außer den reinen Sachinformationen, Worterklärungen und Übersetzungen punktuelle Quellennachweise (die, so weit wie möglich, auch durch die Dokumentation erhalten gebliebener Randanstreichungen und Lesebemerkungen Thomas Manns ergänzt werden). Sie weisen offene wie verdeckte Zitate nach, belegen Textübernahmen und verweisen, soweit dies für das Verständnis nötig ist und erhellend ist, auf motivische und thematische Beziehungen zwischen der jeweils kommentierten Stelle und dem übrigen Werk Thomas Manns. Darüber hinaus tragen sie die einschlägigen Ergebnisse und Positionen der Forschungsliteratur zusammen.

Das Briefwerk ist zwar in etlichen Einzelkorresponenzen hervorragend ediert worden […] Doch ist die einzige Auswahl aus dem riesigen Gesamtcorpus, die Erika Mann in den frühen 60er Jahren in drei Bänden herausgab, noch immer nicht ersetzt. An ihre Stelle tritt nun eine achtbändige, die die frühere nicht nur vom Umfang nach weit überholen wird. Den Abschluss der GKFA wird eine revidierte Tagebuchedition bilden.

Alle Textgruppen werden nach denselben editorischen Richtlinien herausgegeben, wobei es zu kleinen gattungsbedingten Abweichungen kommen kann.

[S. 13 – 16]

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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