Bemerkungen zum Islam (1)

Seit vielen Jahren habe ich mich kaum mehr mit den Weltreligionen beschäftigt, sondern mich auf religionsphilosophische Fragestellungen beschränkt, die auf einer abstrakteren Ebene als die empirischen religionswissenschaftlichen Erkenntnisse angesiedelt sind.

Zum denkbar unoriginellsten Zeitpunkt begann ich nun vor ein paar Tagen in den umfangreichen Macropeadia– (=Britannica-) Artikeln über den Islam zu lesen. Dass Mohammed seine Karriere als überdurchschnittlich begabter Karawanen-Plünderer begann, war mir nicht neu. Dass er jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit an Epilepsie litt – für einen Visionär eine ausgesprochen zweckdienliche Krankheit, hilft sie doch ungemein bei der physiologischen Verzückung – war mir unbekannt.

Interessanter ist der geistesgeschichtliche Themenkomplex. Im Vergleich zu dem methodologischen Aufwand, den islamische Gelehrte von Anfang an mit ihrer Überlieferung trieben, gingen ihre christlichen Kollegen vergleichsweise naiv an ihre Sache heran, trotz der philologischen Bemühungen eines Clemens von Alexandrien oder Gregors von Nizza.

Die Kanonisierung der Hadith, der Berichte über den Propheten, zeigen das deutlich. Es gab strenge Authentizitätsvorschriften, deren Anwendung in der Praxis oft fragwürdig gewesen sein wird, die aber ein Stadium der rationalen Kriterienbildung erkennen lassen, dem gegenüber die Kanonisierung der (jüngsten) biblischen Schriften unreflektiv wirkt:

The formula introducing such a Hadith would speak in the first person: „It was related to me by A, on the authority of B, on the authority of D, from E. (here a companion of Muhammad) that the Prophet said …“ […] The question was not, „Is this sort of thing Muhammad might credibly be imagined to have said or done?“ but „Is the report that he said or did it well supported in respect of witnesses and transmitters?“ The first question would have introduced too great a danger of subjective judgement or independence of mind […] The second question certainly allowed a theoretically [!; CK] objective and reasonably precise pattern of criteria.

Darüber hinaus wurde die Überlieferung noch qualitativ klassifiziert:

Traditions might be sound (sahih), good (hasan), or weak (daif) […] Each of the three classifications was liable to subdivisions, depending on refinements of assessment […] [beide Zitate Britannica (1997) Band 22 S. 11]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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