Seneca über den Zorn

Zeitlos aktuell, leider.

Novartus, du hast mich aufgefordert, ich solle darüber schreiben, wie der Zorn beschwichtigt werden könne, und nicht zu Unrecht, wie mir scheint, fürchtest Du diese Leidenschaft besonders, da sie am meisten von allen widerwärtig und tollwütig [ist]. Den übrigen nämlich wohnt noch etwas Ruhiges und Gelassenes inne, diese ist ganz und gar leidenschaftlich erregt und steht unter dem Ansturm von Schmerz, in kaum noch menschlicher Gier nach Waffen, Blut, Hinrichtungen rasend; wenn sie nur einem anderen schaden kann, ihrer selbst nicht achtend

[…]

Manche also von den Philosophen haben den Zorn genannt: zeitweiligen Wahnsinn; denn in gleicher Weise ist er nicht Herr seiner selbst, des Anstandes vergessend, ohne an Bindungen zu denken, in dem, was er begonnen hat, beharrlich und rastlos, Vernunft und klaren Überlegungen unzugänglich, von nichtigen Anlässen umgetrieben, zur Unterscheidung von Gerecht und Wahr unfähig, dem einstürzenden Gebäude sehr ähnlich, das über dem, was es begräbt, zerschellt.

[…]

[…] kein Unheil ist das Menschengeschlecht teurer zu stehen gekommen. Sehen wirst Du Mord, Vergiftung, gegenseitiger Anklage Schmutz, Zerstörung von Städten, ganzer Völker Ausrottung

[…]

Die Vernunft läßt beiden Seiten Zeit; sodann sucht sie Gelegenheit zu Rechtsberatung auch für sich, damit sie Wahrheit an den Tag zu bringen Raum hat – der Zorn hat es eilig. Die Vernunft will das Urteil fällen, das gerecht ist – der Zorn will das für gerecht angesehen wissen, was es als Urteil gefällt hat.
Die Vernunft sieht auf nichts außer eben dem, um das es geht – der Zorn läßt sich durch Nichtiges und nicht zur Sache Gehöriges beeinflussen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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