Ekkehard Martens: Die Sache des Sokrates

(Neuer Titel: Sokrates: Eine Einführung)

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Als Gegenstück zum polemischen Buch von I.F. Stone (siehe „The Trial of Socrates“) las ich nun die kleine gelehrte Monographie von Ekkehard Martens, der das Sokrates-Problem wesentlich distanzierter angeht, und einige kluge Dinge zum Thema zu sagen hat. Beispielsweise rückt er einige Klischees zurecht, auf die Stone ziemlich hemmungslos zurückgreift, wie das des „unwissenden Sokrates“.
Im siebten Kapitel, „Sokratisches Wissen und Lebenskunst“, trägt Martens eine Reihe von Text-Belegen zusammen, die Sokrates‘ Wissen veranschaulichen, beispielsweise, dass für ihn ein „ungeprüftes Leben nicht lebenswert“ (Apologie 38a) sei. Martens zieht das Fazit:

Dreht man dagegen das übliche Sokrates-Bild um und liest die platonischen Dialoge aus der Sicht des wissenden Sokrates, erscheint die Sache in einem neuen Licht und macht erst Sokrates‘ Faszination auf die Athener und seine fortwährende Wirkung begreifbar. (S. 131)

Weniger überzeugend ist Martens Versuch, Platons radikale Dichtungs- und Literaturkritik im „Staat“ durch den Hinweis abzuschwächen, diese bezöge sich ausschließlich auf sophistische Dichter, nicht auf die Dichtkunst im allgemeinen. Ansonsten sind seine Ausführungen über „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (Kapitel 3) eine Wohltat, verglichen mit dem Unsinn, das im Anschluss an Derridas Grammatologie über diesen Themenkomplex verbreitet wird.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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