I.F. Stone: The Trial of Socrates

Das Buch erschien ursprünglich 1988 in den USA und wurde ein erstaunlicher Verkaufserfolg. Eine Ursache des Erfolgs dürfte darin liegen, dass Stone kein Fachgelehrter, sondern ein angesehener Journalist war, der sein Handwerk verstand.
Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Kenntnis der Materie kann man Stone sicher nicht absprechen, er hat ausführlich recherchiert. Ab und zu bringt er auch philologische Argumente, indem er sich mit einzelnen griechischen Begriffen und deren adäquater Übersetzung beschäftigt. Einige Kapitel sind besonders gelungen, etwa der Themenkomplex Homer und Socrates. Stone zieht interessante Rückschlüsse auf Sokrates‘ politische Anschauungen durch die Analyse von dessen Aussagen über Figuren aus der Illias.

Ärgerlich dagegen sind zahlreiche Vereinfachungen und mangelnde Differenzierungen. Methodisch muss man Stone zum Vorwurf machen, dass er nur sehr selten zwischen den philosophischen Auffassungen des Sokrates, die wir nur aus Berichten kennen, und den Theorien Platons unterscheidet, der Sokrates bekanntlich oft nur als Sprachrohr benutzt. Philosophisch ist die Argumentation erstaunlich undifferenziert. Sokrates‘ Methode des Philosophierens als semantischen Nonsense zu verspotten, zeugt nicht wirklich von einem umfassendes Verständnis der Materie. Deshalb kann Stone seine provozierende Hauptthese auch nicht hinreichend plausibel machen: Sokrates wurde seiner Meinung nach von den Athenern zu Recht zum Tode verurteilt, weil er ein gefährlicher Gegner der Demokratie war.

Das heißt nicht, dass Stone nicht eine Reihe von interessanten Belegen für Sokrates autoritäres politisches Verständnis zusammenträgt. Nur übersieht er einen zentralen Aspekt: Die politische Beurteilung des Sokrates läßt sich nicht auf die – immer nur aus zweiter Hand erschlossenen – Inhalte seiner politischen Anschauungen reduzieren. Ein vollständiges Bild ergibt sich nur, wenn man auch die innovative Methode des Sokratischen Denkens berücksichtigt. Seine radikale Vorgehensweise, (fast) alles kritisch zu hinterfragen und auch auf die Analyse scheinbar klarer Sachverhalte zu bestehen, ist als Denkfigur ausgesprochen progressiv. Sokrates war – gemeinsam mit den ionischen Naturphilosophen – ein Begründer des skeptisch-rationalen Denkens.

Links:

I.F. Stone: The Trial of Socrates (Anchor Books)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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