Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821)

Münchner Goethe-Ausgabe Band 17 (Amazon Partnerlink)

Die Erstfassung von 1821 ist nur halb so lang wie die zweite und endgültige Fassung der Wanderjahre, die acht Jahre später erschienen ist. Nicht zuletzt deshalb wirkt der Roman auf heutige Leser moderner, weil disparater. Eigenartige Mischung aus Elementen der Aufklärung, wie das Plädoyer für ein humanes Justizsystem und der herausgehoben Rolle des Handwerker-Standes, und konservativen Anschauungen, wie die Religionsphilosophie der pädagogischen Provinz. Rezeptionsgeschichtlich scheint es nur Anhänger oder Gegner des Romans (wenn es denn einer ist) zu geben. Ich bin noch unschlüssig, für welche Fraktion ich mich entscheiden werde, vorher will ich mich noch ausführlicher mit der Fassung aus dem Jahr 1829 auseinandersetzen.

Update 22. April 2001: Man stößt auch auf eine bemerkenswerte Stelle über das Theater. Nach der Schmährede eines Pädagogen (der Pädagogischen Provinz) auf das Theater, die an Platons Ablehnung der Dichtung erinnert, distanziert sich der Erzähler (sprich Goethe) davon:

[…] denn das Drama setzt eine müßige Menge voraus, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet, denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht […] Wer unter unseren Zöglingen mit erlogener Heiterkeit, oder geheucheltem Schmerz, ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer mißliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen.

[…] Gewissenlos wird der Schauspieler was ihm Kunst und Leben darbietet zu seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn. [usw.]

Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt. Hat er nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet? und könnte man ihn wohl überzeugen, daß dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemühung gewesen [Münchner Ausgabe Band 17, S. 145f.]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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